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klecks 1/2014

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klecks bietet Eltern und Erziehern das komplette Themenspektrum von Pädagogik bis Psychologie, von Gesundheit über Reisen bis hin zu Spieletipps und Veranstaltungsempfehlungen. klecks erscheint zwei Mal im Jahr.

Bildung und Lernen |

Bildung und Lernen | Text: Gaby Hamm-Brink | Fotos: Mani Wollner Eltern, entspannt euch! Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans vielleicht später! Von der Wohltat des achtsamen Gewährenlassens Musikalische Frühförderung, ToyTalk, Early English, Vorbereitung auf die Einschulung mit fünf, vielleicht bald mit vier Jahren – was wird nicht alles diskutiert und verlangt von Eltern und Pädagogen, damit der Start in ein erfolgreiches Leben bei den ihnen Anvertrauten auch sicher gelingt. Da wäre es doch am besten, wenn Mama und Papa am Abend nach Kita-Schluss gleich mit ihren Kleinen ins Englische wechselten und ihnen nebenbei auf der Heimfahrt ein paar Aufgaben im Kopfrechnen stellten. So wäre auch die Wegstrecke nach Hause sinnvoll genutzt und ein vorausschauender Beitrag geleistet für späteren Erfolg in Schule und Beruf. Es ist schon richtig: Die Hirnforschung der letzten Jahre hat die bahnbrechende Entdeckung gemacht, dass die für das Lernen so wichtigen Nervenbahnen und deren Verknüpfungen im Gehirn innerhalb der ersten sechs Lebensjahre entstehen. Und dass, je mehr Verbindungen dieser Art im Gehirn aktiviert werden, der Zugriff darauf im späteren Leben leichter fällt und die Verknüpfung von bereits Bekanntem mit Neuem und Unbekanntem besser gelingt. Damit das Leben auch in schwierigen Lagen gut gemeistert werden kann. Gerald Hüther, renommierter Hirnforscher und Meister in der einfachen Vermittlung komplexer Zusammenhänge, macht uns Mut, eine Weitsicht an den Tag zu legen, die den Fokus mehr auf die Selbstorganisation der Entwicklung bei unseren Kindern legt und weniger auf stereotypes Üben und allzu bemühtes Unterstützen. Bindung als Voraussetzung für Bildung So postuliert Hüther in seinen Beiträgen, dass Eltern zwar sehr wohl Einfluss nehmen können auf die Gehirnentwicklung ihrer Kinder und dies auch unbedingt tun sollten. Nur eben nicht in Form des Eintrichterns und Abfragens von Wissen, sondern über das achtsame Entwickeln einer guten Bindung. Diese entsteht in einer Atmosphäre der Gelassenheit, wenn Eltern ihre Kinder gewährend beobachten, sensible Impulse setzen und sie in ihren Bedürfnissen ernst nehmen. Auf dem Fundament solcherart Gebundenseins kann dann das Wunder der Selbstorganisation bei den Kindern stattfinden, das sich Entwicklung nennt. Neugierde ist das Ergebnis von Gewährenlassen! Unterstützt wird diese Erkenntnis durch das Erfahrungswissen von Karl Gebauer, dem ehemaligen Rektor der Leineberg-Grundschule in Göttingen, der sich als Buchautor, Kongressorganisator und Vortragsredner zum Thema kindliche Bildung einen Namen gemacht hat. Er bestätigt, dass Kinder bei Schuleintritt vor allem eines mitbringen sollten: Neugierde und eine unbändige Lust am Lernen. Der Rest – die Freude am Aufnehmen und Verarbeiten von Neuem – kommt dann ganz von alleine. Allerdings unterscheiden sich bereits beim Schulstart die Kinder enorm, was diese Neugierde und Lust am Lernen betrifft. Nicht selten zeigen Kinder, die von ihren Eltern früh „beübt“ wurden, Signale von Unruhe oder Ängstlichkeit. Hierzu weiß der Hirnforscher Gerald Hüther: Bei Angst und Druck kommt im Gehirn Unruhe zustande, und es schwindet die Fähigkeit, zu denken und kreativ zu sein. Das Gehirn blockiert, schaltet auf Notprogramm um und kann nicht mehr elastisch reagieren. 30

Verweigerung als fehlgedeuteter Autonomieschritt Unglücklicherweise wird diese Blockade dann bisweilen bei Eltern und Lehrern als renitentes Verweigern oder Bockigkeit verstanden. Es lohnt sich allerdings, Zeichen einer Verweigerung nicht als Defizit zu deuten, sondern sensibel auszuloten, ob sich dahinter vielleicht ein berechtigtes Signal einer Überforderung zeigt und möglicherweise sogar der Vorbote eines äußerst wichtigen Entwicklungsschrittes: das Streben nach Autonomie und Abgrenzung. Der Körper – die Lernfabrik mit großen Räumen Um die wichtigsten neuronalen Schaltkreise im Hirn aufzubauen, brauchen Kinder aber vor allem eines: eigene Körpererfahrungen. Dies bestätigt Annelie Keil, Soziologin, Gesundheitswissenschaftlerin und Begründerin des Instituts für Biografieforschung in Göttingen. Das körperliche Lernprogramm beginnt mit dem Saugen, denn nur so sind Überleben und gleichzeitiger Genuss gesichert. Eine der wundervollsten Körperlernübungen ist laut Hirnforschung das Singen, denn dabei muss das kindliche Gehirn die Stimmbänder so virtuos modulieren, dass haargenau der richtige Ton entsteht. Und weil dies eine der feinmotorischsten Übungen überhaupt ist, wird damit eine optimale Voraussetzung für alle späteren, hoch differenzierten Denkweisen geschaffen. Fazit: ToyTalk, musikalische Frühförderung und Early English haben also durchaus ihren Sinn. Und es ist keineswegs falsch, einem neugierigen Kind die Hand zu reichen und spielerische Lernangebote zu machen für den nächsten schöpferischen Entwicklungssprung. Dass all diese Angebote aus einer Hand stammen müssen, ist nicht nötig und auch nicht möglich. Hier wirken Kita, Eltern, Freunde, Verwandte und Nachbarn mit ihrer je eigenen Beziehung zum Kind ineinander. Über allem stehen aber das beobachtende, achtsame Gewährenlassen und das sensible Aufnehmen kindlicher Impulse. Jede Entwicklung braucht eine Zeit der Aktivität und eine der Passivität. Und nicht umsonst postuliert die Kreativitätsforschung, dass nach der kreativen Denkphase eine Zeit der „Inkubation“ stattfinden muss, in der wir dem Unterbewusstsein die Möglichkeit geben, entspannt zu sortieren und neu zu fokussieren. Wissen lässt sich nicht wie in einen Trichter hineinfüllen – Wissen kann und muss erworben werden durch die freudige Ermunterung zu Bindung, Kreativität und Neugierde. Dann gelingt´s! Ein Beispiel für achtsames Gewährenlassen von der Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel Ein Kind müht sich sichtlich ab, Bausteine aus einer weiter entfernten Ecke des Raumes in die Bauecke zu bringen. Zuerst trägt es die Steine einzeln. Später füllt es die Bausteine in einen Korb, der offensichtlich zu schwer ist. Wie schnell neigt man dazu, jetzt einzugreifen, Anregungen zu geben oder gar selbst aktiv zu werden und dem Kind die Steine zu bringen. Aber weiß man denn, was das Kind beabsichtigt? Will es wirklich bauen? Oder steht die Logistik im Vordergrund, also die Frage, wie die Steine an Ort und Stelle gebracht werden können? Also Geduld, einfach nur beobachten, was geschieht. Und siehe da, das Kind findet eine weitaus praktikablere Möglichkeit: Es holt sich einen großen Holzlaster und transportiert die Steine. Nach und nach interessieren sich andere Kinder für das Geschehen, eine Tankstelle für den Steinelaster wird aufgebaut, die Logistik wird verfeinert. Wie schade, wenn wir dem Kind durch vorschnelles Eingreifen dieses Erfolgserlebnis genommen hätten! Geduld, beobachten, gewähren lassen - Kinder brauchen Erfolgserlebnisse 31

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